Medienmanipulation: Anschlag in Bluewater

// 10. September 2009 // Medien

medienmanipulation

Nicht nur der Ottonormalverbraucher ist dieser Tage vom Web 2.0 geprägt und abhängig, sondern auch professionelle Redaktionen, die uns tagtäglich mit Nachrichten aus aller Welt versorgen. Dabei scheint es, dass beim Thema Recherche eine hohe Prozentzahl lediglich auf Google & Co. schwört und keine weiteren Quellen in Betracht zieht. Dieses aktuelle Phänomen hat sich ein deutscher Filmregisseur zum Anlass genommen, die deutschen Medien mal ordentlich auf den Arm zu nehmen.

Gestern morgen um kurz nach neun: Ein Mitarbeiter des TV-Senders Vpk-TV beginnt, deutsche Pressestellen anzurufen und behauptet er lebe in Kalifornien und möchte den Hinweis auf einen Terroranschlag in der Kleinstadt Bluewater geben. Dabei seien drei Selbstmordattentäter in ein Restaurant eingedrungen, wobei zwei Detonationen zu hören gewesen seien. Die Polizei gehe davon aus, dass es sich bei den Attentätern um arabischstämmige Männer handele. Auch der eigene TV-Sender würde bereits über das große Ereignis berichten.

vpk2 Jetzt begann das Spiel. Die Macher der Inszenierung haben an alles gedacht. Nach dem beschriebenen Anruf haben sich etliche Redaktionen erstmal an die Internetrecherche begeben und fanden viele Anzeichen für die Richtigkeit der Meldung. Die Kleinstadt Bluewater hatte eine eigene, wenn auch dillettantisch gestaltete, Webseite und auch der Sender Vpk-TV war bei Wikipedia verzeichnet. Selbiger hat auf seiner Webseite bereits einen großen Livebericht mit Moderatoren über das Ereignis geschaltet, was die Echtheit der ganzen Aktion dann, für einige Redakteure zumindest, bestätigte. Auch die angegebenen Nummern der Polizeistellen von Bluewater leiteten direkt zum Team des Regisseurs, sodass die Vorgaukelei per Telefon weitergehen konnte – alles sah nach einem großen Anschlag in den USA aus. Gegen zwanzig vor zehn hat dann die Deutsche Presseagentur (DPA) die Meldung “In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein. Es habe in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben, berichtete der Sender. Die Polizei sei im Einsatz und habe das Restaurant evakuiert. Ob Menschen zu Schaden kamen, sei unklar. Das Restaurant wirkte auf ersten Bildern nicht zerstört. Die Täter wurden von dem Sender als arabisch-stämmig beschrieben.” herausgegeben.


Jetzt war das Ding im Prinzip schon gedreht, da die DPA bei nahezu allen Redaktionen die Quelle schlechthin ist. Um zehn uhr schickte die DPA dann eine, leider nur vermeindliche, Richtigstellung des Sachverhaltes heraus: Der Anschlag sei ein böser Scherz gewesen, hieß es da. Es habe sich um Bombenattrappen gehandelt, die sich drei deutsche Rapper umgebunden hätten. Die Rapper würden sich als “Berlin Boys” bezeichnen. Kurze Zeit später meldete die Agentur, ein Sprecher der örtlichen Polizei habe ihr bestätigt, dass die drei Männer festgenommen worden seien. Das Potenzial der spätestens jetzt lächerlich anmutenden Falschmeldung war nach wie vor, auch neben zweifelhaften Kontaktpersonen wie Marc Napster oder Jake Montana auf der Webseite des TV-Senders, da. Nach genauerem Hinsehen stellte sich dann langsam heraus, dass der Wikipedia-Eintrag des Senders, sowie der nicht-existenten Kleinstadt, erst den Mittwoch zuvor erstellt wurden. Auch die jeweiligen Internetdomains “bluewatercity.com” und “vpk-tv.com” wurden erst Ende Juni diesen Jahres zum Leben erweckt.

Gegen 14 Uhr hat die DPA den Fake der – deutschen Terror-Rapper in Kalifornien – endlich bemerkt und lies verlauten: “Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht. Die Deutsche Presse-Agentur geht Hinweisen nach, dass die als Quelle genannte Website des Fernsehsenders gefälscht ist und auch andere Websites über Bluewater nicht echt sind.” Auch einige andere Medien, wie heute.de oder die Zeit fielen, auf den Scherz herein. Nach einigen Recherchen fand die Agentur dann auch heraus, wer sie aufs Glatteis geführt hat: Jan Henrik Stahlberg, seines Zeichens Regisseur des neuen Films “Short Cut to Hollywood”, wollte das Szenario, welches genau dem des Films gleicht, mal in der Realität ausprobieren und einen PR-Versuch starten – mit Erfolg!

Nachdem die DPA schlussendlich noch mit “Regisseur Stahlberg narrt dpa mit gefälschten Websites” titelte, war die Sache perfekt. Und wiederum ist bewiesen, dass ohne Internet heute gar nichts mehr geht und weiterhin, dass deutsche Redaktionen heutzutage aufgrund des schnelllebigen Journalismus eine gründliche Quellenrecherche vernachlässigen. Twitter, Google und Wikipedia sind die bequemen Quellen unserer Zeit – aber eben auch die unsichersten. Mittlerweile hat das Team Videos vom Making-Of der Medienmanipulation online gestellt – am Ende kann man nur laut lachen, wenn man sieht, wie die Macher ihre Idee aufgezogen haben – Hut ab, das ist Streiche spielen auf hohem Niveau!

Zusammenhängende Links:
stern.de – Die Bluewater-Affäre
Bluewatercity.com
vpk-tv.com (inkl. Making-Of-Videos!)




Ein Kommentar zu “Medienmanipulation: Anschlag in Bluewater”

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