Eine Nacht mit Rammstein
// 9. August 2009 // Leben

Stresszustände, Hitze, Müdigkeit und Lärm. Das ist so ziemlich das, was aus “Bier, Bikes und Frauen” geworden ist. Vorgestern ging es gegen 7 Uhr los. Raus aus den Federn, kurz Frühstücken, frisch machen und ab nach Geiselwind. Die Strecke, die unser Navigationsgerät zuversichtlich mit dreieinhalb Stunden deklariert hatte, entpuppte sich als eine fünfstündige Stop-And-Go-Misere. Ankunft um 12:30 Uhr auf einem prallgefüllten Rasthof: das Bike and Music Festival konnte beginnen. Die Parkplatzsuche gestaltete sich, entgegen Murphys Gesetz, undenkbar einfach. Das Auto meines Vaters fand seinen Platz genau vor dem Eingang des Hotels, mitten im Geschehen…ja, mitten im Geschehen. Sachen gepackt und zur Rezeption, wo uns eine blonde Dame nett begrüßte. “Ihr Zimmer ist die Treppe hoch, komplett durch den Konzertsaal, dann rechts, zwei Treppen hoch, etwas gerade aus und dann nochmal rechts” – Ich schnallte ab. Vollgepackt mit Koffern, Proviant und einer Gitarre beschritten wir also die Jakobsweg-gleiche Route zum Hotelzimmer – das Navi war leider noch im Auto. Endlich angekommen, machte das Zimmer zunächst einen tadellosen Eindruck. Frische Luft, drei Betten und Dusche – das war alles was wir brauchten. Dachten wir bis jetzt…
Nachdem wir unsere Sachen erfolgreich ausgepackt hatten ging es ab aufs Festivalgelände. Dort waren schon die ersten Bodypainting-Models auf der Bühne – netter Anblick. Nach durchschnittlich fünf Stunden Schlaf und darauf folgender fünfstündiger Autofahrt gönnten wir uns, bereits jetzt schon leicht angeschlagen und müde, erstmal ein Willkommensbierchen. 2,50 Euro für ein 0,4l Pils – da kann man nicht meckern. Ich und mein Bruder traten die erste Runde von vielen über die “Händlermeile” an und ließen uns an einem Stand erstmal ein Airbrush-Tattoo “stechen”. Zwischendurch steigerten die auf einer gelben Limousine vorbeifahrenden GoGoGirls im Bikini die Stimmung. Aber unsere Kraftreserven neigten sich zum Abend hin dem Ende entgegen, bei einer Bilanz von drei Bier pro Stunde kein Wunder. Mit anhaltendem, leicht verschwommenem Blick, hörten wir uns etwas Live-Musik an. Um 21 Uhr hieß es dann: Alle Leute her zur Dragster-Show. Bereits jetzt machten sich unsere Füße bemerkbar. Begeistert von den über 1000PS-Monstermaschinen ging es für uns gegen 00:00 Uhr ins Hotelbett. Die frische Luft des Hotelzimmers im Hinterkopf haltend, öffneten wir die Tür. Durch die 30-Grad-Sonne, die den lieben, langen Tag auf das Gebäude schien, wurde unser frisches Zimmer kurzerhand zu einem XXL-Ofen umfunktioniert. “Dann schlafen wir halt mit Fenstern offen, was solls”. Um 00:30 Uhr war es bei uns ruhig – jeder freute sich aufs Bett und war kurz vorm Einschlafen.
Plötzlich fing es an zu dröhnen und zu wackeln. Der Sicherungskasten klapperte laut und auch die Betten vibrierten leicht. Etwas angetrunken und hundemünde im Halbschlaf, begann ich anzunehmen, dass ich im Raumschiff Enterprise sitze und der Start kurz bevor steht – aufregender Traum. Nach kurzer Zeit bemerkte ich jedoch, dass der aufregende Traum gar kein Traum war. Nein, vielmehr betraten um 01:15 Uhr STAHLZEIT die Bühne des Konzertsaals, über genau dem wir unsere Zimmer hatten. Es schoss mir blitzartig in den Kopf. “Ach ja, die RAMMSTEIN-Coverband spielt heute”. Unsere Nacht fing, wie ich leider feststellen musste, gerade erst an. Mittlerweile war ich durch den Krach des Bassisten und der feuchtfröhlich zwitschernden Stimme des STAHLZEIT-Sängers wieder hellwach. Nun begriff ich auch, warum die zwei Wandgemälde in unserem Zimmer mit vier Spackschrauben an die Wand getackert waren. Meinem Bruder und meinem Vater ging es ähnlich wie mir. Von unserem Standort aus konnte man weiterhin noch die nicht unerheblich laute CD-Musik auf dem Festivalgelände hören. Wir hatten also Stereosound. Links RAMMSTEIN und rechts AC/DC – Shock me allnight long! Zur Erinnerung: Es war halb zwei nachts, ich hatte Kopfschmerzen, war kurz vor dem Müdigkeitskollaps, leicht angeseuselt und bereits seit 21 Stunden auf den Beinen, bei zuvor vier Stunden schlaf. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Wir versuchten alles: Oropax ins Ohr, Kissen übern Kopf, Fenster zu. Aber das reichte leider nicht, um den Hardcore-Rammstein-Sound aus unseren vier Wänden zu verbannen. Mehr als wach bleiben konnten wir nicht tun. Ich latschte auf unserer Terrasse hin und her. Guckte mir das Leben auf dem Festivalgelände an. Ich konnte fast im Stehen einschlafen. Plötzlich wurde es still. Mein Vater, Bruder und ich freuten uns: Jetzt können wir endlich schlafen.
“Gib mir BENZIN! Es fließt durch meine Venen” – Die Stille, die wir zuvor als Auftrittsende gedeutet hatten, war womöglich nur eine Pinkelpause. Jetzt legten die Krachschläger erst richtig los. Dass der Sicherungskasten nicht langsam von der Wand gefallen ist, war alles. Unvorstellbar! Ich schmiss mir umgehend eine Parecetamol ein, mir ging es jetzt richtig dreckig – wir fühlten uns alle beschissen. Gegen 3:30 Uhr war das Spektakel dann endlich zu Ende. “Das war es schon, wir müssen morgen noch in den Osten”, sagte der Schreihals Sänger zum Schluss. Mein Vater kommentierte dies mit einem trockenen: “Ich hoffe ihr fahrt ganz weit in den Osten!”. Noch eine Zugabe und dann war Schlaf in Sicht – Gott sei Dank!!! Wir drei fielen ins Bett und knackten sofort ein….bis wir von Dragster-Motoren, Burnouts und AC/DC – Shock me allnight long sanft geweckt wurden!
Unser Erscheinungsbild erinnerte am nächsten Tag an einige Charaktere aus “Dawn of the Dead”…
Zusammenhängende Links:
• Bike and Music Weekend Geiselwind
• Gute-Nacht-Musik von “Stahlzeit”
5 Kommentare zu “Eine Nacht mit Rammstein”







LESENSWERT |
Wer hat schon gewonnen? |
Na das hörte sich nach nen langen Tag an. Jetzt kannste wieder ausschlafen.
Na wenn man nicht standfest ist sollte man auch nicht auf solche veranstaltungen gehen. Aber kurzweilig geschrieben deine Erzählung. Gruß Susi
Das hat nichts mit Standfestigkeit zu tun. Ich habe nichts dagegen 20 Stunden wach zu sein, nur wenn ich ins Bett gehen will, dann will ich schlafen und mich nicht fühlen als ob ich auf einem Rockkonzert in der ersten Reihe stehe…
zugegebermaßen ist Rammstein oder Stahlzeit absolut nicht meine Musik. Immerhin bin ich vor kurzem 58 Jahre alt (jung) geworden und habe einen etwas anderen Musikgeschmack. Aber ich hatte die Gelegenheit mit meinem Sohn Benny (23 Jahre) zu genau diesem Event zu fahren und die Gruppe Stahlzeit live und aus nächster Nähe zu erleben. Benny ist Backliner bei Stahlzeit und so hatte ich die Möglichkeit mit Backstageausweis direkt an der Bühne dabeizusein. Ich kann nachvollziehen, dass die Lautsärke an der Genze des ertragbaren war, aber mir hat die Show und das ganze Drumherum riesig gefallen. Sorry, dass es Dir/Euch den Schlaf geraubt hat aber ich möchte es nicht missen. Ich war zwar auch um 03.30 Uhr gut fertig, aber ich war auf einem Bike & Musik Event, das dem in Daytona, auf dem ich im März dieses Jahres war, nur wenig nachstand. Einach geil !
Günter
Ich mache der Band oder allgemein der Sache überhaupt keinen Vorwurf. Der Fehler lag ganz einfach beim Hotel. Hätte dieses uns darauf hingewiesen, dass wir direkt am Konzertsaal nächtigen, hätten wir uns auch darauf eingestellt.