Archiv für Lustiges

Die Geschichte des Stephen Glass

// 16. November 2009 // Keine Kommentare » // Lustiges, Medien

glass

Hallo, mein Name ist Stephen Glass. Wir schreiben das Jahr 1998. Ich wurde 1974 in eine Familie jüdischer Abstammung geboren und studierte zunächst an der University of Pennsylvania, bis ich 1993 den Posten des Chefredakteurs bei der Studentenzeitung “Daily Pennsylvanian” übernahm. 1994 brach ich mein Jurastudium ab, um als Redaktionsmitglied beim erfolgreichen Politikmagazin “The New Republic” zu arbeiten. Mein Artikel “Hack Heaven”, der am 18. Mai 1998 erschien, sollte gravierenden Einfluss auf mein journalistisches Leben haben. Die Geschichte war einfach perfekt, jeder in der Redaktion mochte sie. Auch Chuck, der vor kurzem erst den neuen Posten als leitender Chefredakteur bei “The New Republic” übernahm.

Es ging um den 15jährigen Computer-Hacker Ian Restil, der sich in die Datenbank der großen Softwarefirma “Jukt Micronics” eingehackt hatte und anschließend mit dessen Vertretern, seiner Mutter und dem ehemaligen, gescheiterten Basketball-Agenten Joe Hiert an einem Tisch saß, um über die Unterlassungs-Forderung der Firma, seine Hackangriffe, bei denen er die Webseite mit Erotikfotos und der Unterschrift “The Big Bad Bionic Boy Has Been Here, Baby!” zupflasterte, einzustellen. Dabei wiederholte er seine Forderungen ganz klar: “Ich will mehr Geld. Ich will einen Miata. Ich will einen Trip nach Disney World. Ich will das X-Men-Comicheft Nummer eins. Ich will ein lebenslanges Abo für den Playboy.”, worauf die Jukt Micronics-Leute antworteten: “Wir geben dir soviel Geld, dass du deine Schmuddelheftchen, das Comic und das Auto selbst kaufen kannst!”. Eine große Softwarefirma unterbreitete einem 15jährigen Jungen also ein Angebot. Das war die Story! Es kam noch besser. In Nevada versuchte die Polizei frustriert Kampagnen im Radio zu schalten, um die Unternehmen davon abzubringen, Geschäfte mit Hackern zu machen. Immer mehr Hacker heuerten Agenten an, um durch diese lukrative Deals mit den Software-Riesen zu verhandeln.

Mit der Story war ich in der Redaktion wieder sehr beliebt. Sie kam gut an. Ich war allgemein als Autor sehr angesehen und meine Storys waren immer peppig, frisch und zum Schmunzeln. Während wir auf den Release der neuen Ausgabe warteten, erhielt Chuck einen Anruf vom Onlinemagazin “Forbes Digital Tool”. Der Chefredakteur erklärte Chuck, dass alle Nachforschungen zu den Charakteren und Firmen in der Geschichte “Hack Heaven” ins Leere liefen und weder eine Firma namens “Jukt Micronics”, noch ein Hacker namens “Ian Restil” aufzufinden war. Es gab keine “National Assembly of Hackers” oder ein Abkommen in 21 Staaten, was dem Hack-Terror ein Ende setzen sollte. Auch der Agent war nie bekannt. Chuck sprach mich morgens im Büro darauf an. Ich konnte es mir nicht erklären. Ich hatte doch mit allen sich in meiner Geschichte befindenden Personen Kontakt gehabt und saß sogar mit am Tisch als Reporter bei den Verhandlungen zwischen der Firma und dem jungen Hacker. Chuck bat mich meine Notizen von zu Hause zu holen, um ihm Kontaktdaten zu besorgen. Das machte ich natürlich.

Ich gab Chuck die Nummer von Jukt Micronics, zeigte ihm deren Internetseite, besorgte die Visitenkarte des Agenten und sogar die Emailadresse von Ian Restil. Im Bezug auf die Telefonnummer wies ich ihn darauf hin, dass sich dort immer nur der Anrufbeantworter melden würde. Chuck wirkte auf mich unsicher, ich wusste nicht was er von mir gedacht hatte. Die Anschuldigungen vom Forbes Onlinemagazin verhärteten sich. Eines morgens konfrontierte mich Chuck mit seinen Erkenntnissen. Die Telefonnummer von Jukt Micronics hätte nur eine Leitung und die Vorwahl des Ortes, in dem mein Bruder lebte. Auch die Internetseite sei dilletantisch gestaltet worden und läge auf merkwürdigen Servern. Auf Emailadressen bekäme er keine Antwort. Alle anderen Prüfungen der Fakten waren fragwürdig. Ich hatte als Quellenbeleg nur meine Notizen. Mist. Chuck trieb mich ganz schön in die Enge. Er suspendierte mich mit sofortiger Wirkung für zwei Jahre vom Dienst.

Als ich am nächsten morgen meine Sachen aus dem Büro holen wollte, sah ich, dass an unserer Wand, an der bisher alle Ausgaben des “The New Republic” hingen, einige fehlten. Chuck hatte in der Nacht alle meine Storys auf Fakten überprüft und gesagt, das mehr als die Hälfte unter Verdacht der Fälschung standen. Ich war am Ende. Die Sache flog auf – ich wurde komplett gefeuert und gab zu: Ich fälschte mehr als die Hälfte meiner Artikel, die bei “The New Republic” erschienen sind.

Die obige Geschichte beschreibt eine wahre Begebenheit. Stephen Glass ist heute 35 Jahre alt und schrieb ein Buch über sein Leben. 2003 wurde es mit dem Film “Shattered Glass” verfilmt. Am 10 Mai 1998 veröffentlichte der Chefredakteur von “The New Republic” eine öffentliche Richtigstellung der Dinge, mit einer Entschuldigung an die Leser und der Info, dass Stephen Glass gefeuert wurde. Spannende und interessante Geschichte, wie ich finde. Der Film ist weiterhin nur zu empfehlen.

Zusammenhängende Links:
May 18, 1998 – Hack Heaven

TV Today + TV Spielfilm = identisches Magazin

// 24. Oktober 2009 // 3 Kommentare » // Lustiges, Medien

tvtoday

Die Fernsehzeitschriften “TV Today” und “TV Spielfilm” erscheinen seit längerem beide beim Burda-Verlag. Aufgrund dieser Tatsache hat man sich gedacht: “Warum denn zwei Redaktionen für zwei Fernsehzeitungen beschäftigen? – Viel zu teuer”. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum die “TV Today” im Kern nur eine recycelte “TV Spielfilm” darstellt. Laut Stefan Niggemeier, kann man sich die Produktion einer “TV Today” im Wesentlichen so vorstellen: Man nimmt die „TV Spielfilm”, baut ein neues Cover, rechnet die Daumen-hoch- und -runter-Symbole im Programmteil in Punkte um, ersetzt das Wort „TV Spielfilm” durch „TV Today” und ändert die Überschriftentypografie … traurig aber wahr. Damit der große Schwindel aber nicht so offensichtlich ist, verschiebt man einige Artikel gekonnt, lässt sie ganz weg oder kürzt diese bei Bedarf auch noch.

samething

Aber irgendwann musste die journalistische Raffinesse – so brilliant sie doch war – ordentlich in die Hose gehen. Es sind halt auch nur Menschen, die hinter “TV Today” bzw. “TV Spielfilm” bzw. beidem …. Das “Worst-Case”-Szenario ist nämlich in der aktuellen Ausgabe von “TV Today” Realität geworden. Es wird auf dessen Titelseite ganz groß mit “Stromberg ist zurück” und einem Exklusiv-Interview geworben. Nach längerem Hin- und Her-blättern fällt einem jedoch auf, dass das angekündigte Interview nirgendwo zu finden ist. Wurde es etwa vergessen? Nein. Um es zu lesen müsste man sich einfach die “TV Spielfilm” kaufen, denn dort ist das Interview irrtümlicherweise untergebracht worden – Autsch! Aber guter Trick, so zwingt man die Konsumenten direkt zwei seiner Fernsehzeitschriften zu kaufen.

Mal ehrlich: Sowas finde ich einfach nur lächerlich. Geld regiert halt doch noch die Welt.

Zusammenhängende Links:
Rangierpanne auf Burda Verschiebebahnhof

9Live lernt es nicht mehr

// 22. Oktober 2009 // 1 Kommentar » // Lustiges, Medien

9live

Dass die Spiele bei unserem Call-In-Sender Nummer eins nicht ganz fair und transparent von Statten gehen, ist uns, auch nach den unzähligen Kritikvideos auf YouTube und anderen Videoportalen, unlängst bekannt. 9Live musste sich in der Vergangenheit schon einige Male öffentlich rechtfertigen und stand im Sturmfeuer der Kritik, so auch vor kurzem, als der Sender eine Geldbuße in Höhe von 95.000€ abdrücken müsste, da er die neue Gewinnspielverordnung, die im Februar beschlossen wurde, verletzt hat. Die Landesmedienanstalten (ZAK) haben nun die Möglichkeit, statt die Gewinnspiel-Rüpel nur anzuprangern, diese auch mit saftigen Geldstrafen bis zu 500.000€ zu rügen. Professor Norbert Schneider, ZAK-Beauftragter für Programm und Werbung, kündigte bereits an, dass das Strafmaß konsequent ausgeschöpft würde.

Warum lernt aber 9Live immer noch nicht, obwohl es mit dessen fragwürdigen Spielen doch mit knallharten Fakten immer wieder an die Wand gedrängt wird? Ich kann es mir nur so erklären, dass die Einnahmen so hoch sind, dass solche Geldbußen mal eben aus der Portokasse bezahlt werden können und der Sender danach einfach so verfährt, wie vorher – nur das bringt schließlich die Kohle. Wenn man mal bei der Stupidedia das Wort “9Live” eintippt, erhält man eine lustige Zusammenfassung zum Thema Fairness und Transparenz bei 9Live. Wer dann noch dort anruft, ist meiner Meinung selbst Schuld. Andererseits finde ich es ein hartes Stück, dass der Sender jahrelang schon die Zuschauer mit solchen unlösbaren Gewinnspielen abzockt – und das nahezu ungestraft. Scheinbar ist es nicht möglich dem ganzen einen Riegel vorzuschieben. Als Abschluss möchte ich noch eine lustige “Top 10 der unglaublichsten Gewinnspiel-Lösungen im deutschen Fernsehen”, gemacht von Fernsehkritik.tv, zeigen. Mit solchen Videos kriegt man bei YouTube übrigens locker einen ganzen Nachmittag voll.

Zusammenhängende Links:
Stupidedia.org
Fernsehkritik.tv
Stern.de: Geldbuße: Tricksereien kommen 9Live teuer zu stehen

Fotoquelle: © SevenOne Intermedia GmbH