Robert Enke und die Medien.
// 16. November 2009 // Keine Kommentare » // Allgemein, Medien

Es ist traurig. Ein mit Depressionen zu kämpfender Mann, der in der Vergangenheit viele Schicksalsschläge erlitt, wirft sich vor einen Zug und begeht Selbstmord. Er hinterlässt seine Frau und eine Adoptivtochter. Wie geht man mit einem Tod öffentlich um? Hängt man es nicht an die große Glocke oder erstattet man genauestens Bericht, um viele Fans nicht im Ungewissen zu lassen? Ich sage: Man muss das Mittelmaß finden und behaupte gleichzeitig, dass die Medien einfach nur eine raffgierige Meute ist, die jeden Verstand gekonnt auszuschalten weiß. Wie sonst kann man das momentane Mediengeschrei im Bezug auf den Nationaltorwart beschreiben? Bericht zu erstatten definiert sich in der heutigen Zeit anders. Ohne das Wort Voyeurismus in den Mund zu nehmen, wird es da schwierig.
Es ist jetzt knapp eine Woche vergangen. Die anzunehmende Reaktion auf einen Tod ist doch, inne zu halten und sich zu fragen, wie man dieser, in diesem Fall besonderen, Situation entgegentritt. Besonders als Journalist. Die damit zusammenhängende Entscheidung, welche die Medien getroffen haben, ist mit Sensationsgeilheit, Profitgier und Unmenschlichkeit am besten zu beschreiben. Natürlich – es ist die Aufgabe zu informieren. Man muss den Menschen erzählen, was an diesem Tag mit Robert E. passiert ist. Aber über die Art und Weise lässt sich streiten. Es hätte an diesem Tag eine sachliche Meldung über den tragischen Verlust gereicht. Aber nein. Ich schalte heute den Fernseher ein und muss feststellen, dass sich das Thema Nummer eins seit sechs Tagen nicht geändert hat. Jede halbe Stunde wird zu einem Reporter vor Ort geschaltet, der vor einer großen Kerzenflut steht und darüber philosophiert, wie es den Menschen jetzt geht, ganz gleich wie ausgeprägt dessen Ahnung darüber überhaupt ist.
Da werden alte Fotos und Berichte aus den Archiven ausgekramt, Extra-Sendungen eingeschoben und dann kann es losgehen, mit der Interpretation des “Warum? Wieso? Weshalb?”. Es erinnert mich an die Amokläufe der Vergangenheit, in der ich genau dieses Medienverhalten beobachten konnte. Ein Schüler begeht eine Schandtat, die Journalisten kreisen um die Schule, um irgendwelchen, aufgelösten Opfern stumpfsinnige und unangebrachte Fragen zu stellen und sie im Anschluss zu bitten, doch mal besonders traurig in die Kamera zu linsen. Im Studio dann Dr. Dr. Prof. Med. Schlaumeier, der verzweifelt herangezogen wird, um irgendwelche psychischen Diagnosen abzugeben, weshalb es gekommen ist, wie es kam. Woher soll diese völlig unbekannte und zum Täter beziehungslose Person das wissen? In der Talkrunde am Abend werden dann nahestehende Bekannte eingeladen. Und immer wieder die Frage: Warum? Es werden die willkürlichsten Phantasien zur Aussprache gebracht, die alle rein fiktiv und durch nichts zu belegen sind – nur um möglichst viel Sendezeit mit diesem TOPTHEMA zu belegen.
Die Grenze des guten Geschmacks wird von der ein auf die andere Sekunde vergessen. Und da zeigt man ungeniert die Situation, in der eine Frau von dem Tod ihres geliebten Mannes erfährt – mit Untertiteln geschmückt, versteht sich. Grauenhaft!
Zusammenhägende Links:
• 11 FREUNDE – Wie die Medien mit Enkes Tod umgehen.
• “Lebt er noch?” – Stefan Niggemeier
Fotoquelle: DPA








LESENSWERT |
Wer hat schon gewonnen? |